francis mohr - die uhr .


aussortiert oder das lächeln der mona lisa

der känguru-mann (die habsucht)

die uhr


Jutta stand punkt sechs Uhr auf. Ein verregneter Julimorgen. Sie drehte ihre Runden um den Block und kehrte punkt sechs Uhr einunddreißig wieder heim. Sie betrat tropfend die kleine Küche. Ihr Sittich Trilli krähte einen letzten Protest, dann kippte er tot von der Stange. Bei dem Wetter kein Wunder, verabschiedete Jutta ihren Trilli. Das Radio vermeldete, dass ein halbes Dutzend Bomben im Bahnhof explodiert wären. Die komplette Frühschicht der Bonbonfabrik, die am Bahnsteig dreizehn auf ihren Nieten-Reko gewartet hätte, sei dabei ins Jenseits befördert worden. Jutta schaltete den Fernseher an. Eine Horde Halbwilder mit Maschinenpistolen und ihren verlausten Söhnen auf der Schulter jubelte und verbrannte Juttas Nationalflagge. Das hat sich unsere Flagge nicht verdient. Haben sie doch gerade erst den Nachwuchsbraunen vor der Nase weggeschnappt. Mit Hilfe der Fußballer. Entrüstet schaltete sie aus. 
Die Wohnungsklingel schellte und Jutta ging zur Tür. Der Bote reichte ihr ein Telegramm, gaffte auf ihr pralles Dekollete und sprang mit einem sexistischen Witz die Stufen hinab. Sie hastete in die Wohnstube, deren Fenster zur Straße zeigte, öffnete jenes, ergriff sich einen Blumentopf und lies diesen, in genau dem Moment herunterfallen, da der Bote das Haus verlies. Der Bote taumelte und fiel um. Sie schloss das Fenster, rieb sich die Hände, spazierte grinsend in die Küche, topfte sich einen türkischen Kaffee und schlürfte. Dann las sie das Telegramm. Ihre Cousine sei gestern in Ranlänien tödlich verunglückt. Eine Schneelawine habe sie mitgerissen. Selber Schuld, hast die Kassen zu oft bluten lassen, nun haben die endlich ihre Ruhe, murmelte sie vor sich hin. Ich kann mir keine Winterreise im Sommer leisten. 
Jutta öffnete den Vogelkäfig, fingerte Trilli heraus, wickelte ihn ins weiche Telegrammpapier, bekreuzigte sich und warf ihn in den Mülleimer. Amen. Sie zog ihren blauen Sommermantel über und stelzte auf Arbeit. 
Im Büro jagte ein Telefonat das andere. Parallel beantwortete Jutta die Emails. Gegen Mittag lud sie ihr Chef Schmidke zum Essen ein. Sie genehmigte sich eine Kartoffelsuppe mit Wiener Würstchen. Der Chef wählte Milchreis. Weichei. So saßen sie sich mit ihren Schüsseln in der Kantine gegenüber. Wie immer beim Essen band sie ihre Armbanduhr ab. Sie löffelte die Suppe und musste an die Ereignisse des Morgens denken. Ein Morgen, wie jeder andere, es passiert einfach nichts mehr. Niemand ist heute mehr bereit, einen wirklich flotten Tagesbeginn anzuschieben. So schmollte Jutta über ihrer Suppe, die ihr heute nicht schmecken wollte. Seit Jutta von Jürgen wegen ihrer Vorliebe, vorm Sex Himbeerkonfitüre zu naschen, verlassen wurde, fühlte sie eine Leere in sich, die mit nichts aber auch gar nichts zu füllen war. Zum Mindestens bis jetzt. Sie schielte zu ihrem Chef hinüber und erwischte ihn, wie er ungeniert in seiner Nase bohrte. Schmidke feixte und ließ die Beute in den Milchreis fallen. Dann fraß er weiter. Jutta ekelte. Schwein. 
Während Jutta verärgert löffelte, entging ihr das zarte Ritzen in der Speiseröhre und dann war alles wie zuvor. 
Schmidke entließ Jutta gegen sieben am Abend. Jutta bog noch einmal in die Drogerie ein, um Traubenzucker zu kaufen. Die Kassiererin tippte den Preis ein und eben langte Jutta in ihre Geldbörse, da traf Jutta ein Stich im Magen. Es wurde ein grelles Stechen, messerscharf, sodass sie ihre Börse fallen lies und zu Boden ging. Die Kassiererin schrie auf und stürzte hinter der Kasse hervor. Embryonal verrenkt stöhnte Jutta auf den kalten Fliesen. 
„Oh Gott, was nun?“, jammerte die Kassiererin. Eine Kundin fischte ihr Handy aus der Handtasche. Minuten später war die Sirene zu hören und Jutta auf einer Trage des Notfallwagens fixiert.
Doktor Angel zögerte nicht lange und röntge Juttas Bauch. Als er die Aufnahme studierte, musste er grinsen. Jutta war verunsichert. „Herr Doktor, warum lachen sie?“ 
„Sie sind der neunzehnte Fall in diesem Jahr. Anfangs waren wir hilflos. Inzwischen ist es für uns Routine.“, wurde Doktor Angel ernst. 
„Routine?“, stockte Jutta. 
„Sie haben eine Uhr verschluckt. Ich schätze ihre eigene. Sie tragen keine.“ 
Jutta erschrak über ihr entblößtes Gelenk. 
„Eine Wagner Black Lady! Oder?“, fragte Doktor Angel. 
„Aber, woher wissen Sie...?“, verdutzt schaute Jutta zum Doktor. 
„Sehen Sie ...“ und dabei hielt Doktor Angel das Röntgenbild ins Licht, „Klassische Zifferblattoptik mit schwarzem Zifferblatt, Sichtuhrwerk, silberne Hauptzeiger, zusätzliche Datums- und Vierundzwanzigstundenanzeige mit roten Zeigern, Armband aus Echtleder, feinste Edelstahlverarbeitung. Glückwunsch. Eine Mittelklasseuhr. Dreihundertsechzig Euro.“ 
„Und nun?“, fragte Jutta. 
„Operation zwecklos. Egal, welche Marke zu heben war, wir bekamen sie nie zu greifen. Wir müssten Sie in Scheiben schneiden, um die Uhr herauszufischen. Wollen Sie das?“ 
„Und meine Schmerzen?“, schluchzte Jutta. 
„Sie werden sich daran gewöhnen. Bis die Zeit abgelaufen ist.“, entgegnete der Doktor. 
„Wie? Bis die Zeit abgelaufen ist.“ 
„Nun ja, Ihre Black Lady hat ein rein mechanisches Uhrwerk. Eine mit Batterie wäre besser gewesen. Wann haben Sie sie zum letzten Mal aufgezogen?“ 
„Na gestern oder vorgestern. Ach, ich weiß es nicht mehr.“ 
„Sie Arme. Nutzen Sie ihre Zeit. Sie haben noch eine Menge zu regeln.“ 
„Äh, ich verstehe nicht Herr Doktor?“, Jutta perlte der Schweiß von der Stirn und ihre Hände schwammen. 
„Ich halte mich kurz. Ihre Zeit ist zu kostbar. Wir wissen inzwischen, dass alle, die eine Uhr verschluckten, verstarben als die Uhr zum Stehen kam, quasi als die Zeit der Uhr abgelaufen war. Das Laufen des Uhrwerks bestimmte den Lauf des Lebens oder besser noch, bestimmte den Tod.“ 
„Aber Herr Doktor, das ist unglaublich. Bitte helfen Sie mir!“ 
„Es gibt keine Hilfen. Rechnen Sie sich aus, in welchen Abständen Sie Ihre Uhr aufziehen mussten und Sie wissen, wieviel Zeit Ihnen noch bleibt.“ 
„Ich habe keine Ahnung.“ 
„Dann rufen Sie den Hersteller an. Mailen Sie ihm oder anders. Und nun bitte ich Sie, mich zu entschuldigen, auf mich warten noch einige Operationen.“ 
„Auch Uhren?“ 
„Unter anderem. Wenn Sie es wünschen, schreibe ich Sie krank.“ 
Getroffen taumelte Jutta auf die Straße. Sie winkte sich ein Taxi heran, das sie in ihre Mansarde brachte, kochte sich einen Kamillentee und trank diesen verkrampft im Stehen. Es ging um ihr Leben. Um ihr Sterben. Um ihre Zeit. 
Ihr Gehirn feuerte. Wenn es kein Doktor Angel vermag, dann vielleicht Bewegung! Die Muskeln ermuntern, den Körper erschüttern, die Gedärme drängen. Jutta packte den gelben, polyamiden Einteiler mit abnehmbaren Trägern und schwarzer Bordüre und ein Handtuch in ihren Rucksack. Sie zog sich die noch klammen Turnschuhe an und rannte trotz der reißenden Schmerzen die Stufen hinab in den Keller. Sie hievte ihr Sportrad vor die Haustür und strampelte in hohem Tempo aus der Stadt. Zwei Tage lang wechselte der Belag unter Juttas Füssen. Mal war es der Asphalt, mal das Pedal, mal das Wasser. Aber in ihr veränderte sich nichts. Die Uhr bewegte sich nicht einen Zentimeter vom Fleck. 
Erschöpft entschied sich Jutta, kehrt zu machen. Sie fuhr heim und brach übermüdet im Plüschsofa zusammen. Der Körper wollte ruhen. Der Geist und die Schmerzen hielten sie wach. So wälzte sie sich brütend Stunde um Stunde. 
Trinken, üppig trinken, und die Uhr müsste rücken! Millimeter um Millimeter. Jutta sprang auf, griff sich einen Becher und füllte ihn mit Wasser. Dann stürzte sie es Becher um Becher hinunter. Das Wasser füllte nicht nur die Blase, auch Adern und Gewebe wurden prall und praller. Mit jedem Schluck wurde Jutta schwindliger. Sie schwächelte und begann zu krampfen. Doch die Uhr blieb stur und kratzte stärker denn je an den Zotten. 
Entkräftet sackte Jutta auf der Toilette zusammen und trat hinweg, glitt gleichsam in einen Traum. Bilderstaffeln. Mit Gymnasium. Zeugnisausgabe. Beifall. Jutta vertieft hinter den Reagenzgläsern ihres Labors. Jutta im Flieger nach Chicago, nach Rio, nach Hongkong, nach Rom. Vorträge, Aufträge, Beträge. Jutta mit Reiner, Steve, David, Heiko und all den anderen. Jutta joggend im Kreis auf dem Potsdamer Platz in Berlin. Mit ihr noch hunderte weitere Frauen und Männer in grünen Anzügen. Mit einemmal tanzten riesige Uhren über ihnen, die ihre Zeiger wie Brandbomben vom Himmel feuerten. Sie spießten alle um Jutta herum auf. Grüne Kadaver aus denen sich gelbes Blut ergoss. Nur Jutta blieb über. Wimmernd vor Angst. Jammernd vor Leid. 
Ihr eigener Schrei holte Jutta zurück. Ruckartig. Sie atmete heftig. Ihr Körper zitterte und ihre Lippen vibrierten noch vom Schrei auf dem Potsdamer Platz. Sie schleifte sich auf Sofa und hörte in sich hinein. So konnte sie das Ticken der Uhr in ihrem Magen hören, immer deutlicher, je mehr sie sich konzentrierte. Das Ticken verschmolz zur Melodie. Einer Melodie aus elektronischen Tönen. Einer Melodie gepaart mit wirren Versen und je genauer sie zuhörte, je mehr sie sich vertiefte, desto klarer wurden die Verse. Und dann, mit einem Mal, formte die Melodie einen Satz, der ihr deutlich in den Ohren klang: „Lass einfach sein, höre auf zu jagen, lege dich nieder und vertraue.“ Dann wurde die Melodie leiser, das Ticken verschwand und Jutta blieb in völliger Stille allein. „Warum nicht?“, dachte sie gefangen: „Dann werde ich warten und vertrauen.“ 
Jutta nahm sich einen Roman zu Hand, den sie vor Jahren von einer Freundin geschenkt bekam und unbeachtet im Regal hatte verschwinden lassen. Schon die ersten Zeilen fesselten sie. Fesselten sie in einer Welt von Figuren, von Landschaften, von Ereignissen, von Zeiten. Im Rausch war der Roman gelesen, sodass sie ein weiteres Buch im verstaubten Regal ergriff. All die unbeachteten Geschenke der letzten Jahre wurden Opfer ihrer Lust. So vergaß sie die Schmerzen. So vergaß sie die Zeit. 
Nach Tagen drückte ihr Magen, dass sie auf Toilette gehen musste. Jutta nahm auf der ausgekühlten Brille Platz und ein schneidender Schmerz beendete ihren Verschluss. Es schepperte. Sie erhob sich erleichtert und schaute nach. Da lag sie, ihre Black Lady, schimmernd in der Pfütze des Beckens. Behutsam fingerte Jutta die Uhr heraus. Sie wirkte wie neu. Die Zeiger lächelnden auf Zehn Uhr Zehn. Die Uhr zeigte Dienstag an. Sie legte die Uhr an ihr rechtes Ohr. Aber es blieb still. Die Uhr schwieg. Und das seit Tagen. Heute war Samstag. 
Jutta überlegte nur kurz, ob sie sie umbinden und aufziehen wolle. Dann gab sie der Uhr einen zarten Kuss, legte sie behutsam in die Pfütze zurück und zog die Spülung. Die Uhr trudelte im Sog des Wassers hinweg. 
Dann verschwand Jutta fröhlich in die Küche und begann ihre Geschichte aufzuschreiben, die begann mit ... Jutta stand punkt sechs Uhr auf. Ein verregneter Julimorgen. Sie drehte ihre Runden um den Block und kehrte punkt sechs Uhr einunddreißig wieder heim ...

Francis Mohr, August 2006