francis mohr - der känguru-mann (die habsucht) .


aussortiert oder das lächeln der mona lisa

der känguru-mann (die habsucht)

die uhr


„Dem Auge des Toren ist sein Besitz zu klein. Ein geiziges Auge trocknet die Seele aus.“ (Jesus Sirach 14, 9) 
Die Hitze flimmerte über der Landschaft. Der Nachmittag zog sich hin wie eine Woche. Die Straße wollte keine Biegung machen. Sie lag vor mir, ocker, ein Lineal in tausender Schritten. Diese verdammten Weiten, dachte ich mir. Gelegentlich sauste mir ein Wagen entgegen. Meine Kehle war trocken wie eine Packung Erdnüsse. Das Pfeifen gelang nicht mehr, so klebten meine Lippen zusammen. Mein Mustang zog am Asphalt, schlug seine Gummihufe polternd in den Staub. 
Dieser stinkige Tramper. Bei Sidevillage warf ich diesen Spinner raus. Er quasselte ununterbrochen, stellte sogar die Musik leiser, damit ich ihn hören konnte. Bukowski, Freud, Charles Manson, er lies niemanden aus. Mit erhobenem Mittelfinger verabschiedete er mich. Nachdem er am Horizont verschwunden war, kramte ich nach der Packung Colabüchsen. Ich hielt an und krempelte den Wagen um. Ich fand sie nicht. Dieses verdammte Hippie-Schwein fuhr es in mich. Es nützte nichts. Ich musste weiter. Seit Stunden war kein Haus, geschweige denn eine Tankstelle zu sehen. Wenn das so weiter ginge, würde ich das Kühlwasser trinken. Wenigstens einen Schluck. Ich trat aufs Gas. 
Eben marschierte die Sonne in den Horizont hinein, da tauchten einige Hütten in der Ferne auf. Noch einige Meter und ich war da. Neben der Zapfsäule hielt ich. Ich atmete mehrfach tief durch. Vor mir standen einige Holzschuppen. Hühner gackerten zwischen Schrott und anderem Krempel herum. Vom Fahrersitz aus sah ich den fetten Kassierer im Tankhäuschen. Er gaffte gelangweilt zu mir herüber. Ich legte INXS ins Kassettenfach und zündete mir eine Zigarette an. So saß ich dann zu „Don´t lose your head“. Der Fette hinterm Tresen machte keine Anstalten, raus zu kommen. Na wenn schon, ich habe Zeit. Ein, zwei Titel noch. Dann werde ich den Dicken zum Tanken heranwinken und ein paar Coladosen einfordern. Da saßen wir nun, der Fette und der Dürre, keiner zuckte. Wir waren völlig relaxt. Aber einer würde Laufen müssen. 
„Hallo, mein Freund. Sieht ganz so aus, als hättest Du Durst. Ne´ Cola gefällig?“ Ich zuckte zusammen und riss meinen Kopf nach links. Man was ist das? Das Vieh, das mich süffisant anlächelte, sah aus wie Alf. Jener Alf aus dem Nachmittag-TV. Jener Braunpelz mit der großen Schnauze. 
„Wer bist denn Du?“, fragte ich ihn. 
„John Greed.“, antwortete er. 
„Greed, ist ja wirklich originell. Du siehst eher aus wie Alf.“ 
Er verzog die Stirn zu einem beleidigten Runzeln, spuckte seinen Kaugummi in den Staub und raunte mir zu: „Ich bin nicht dieses Großmaul Alf. Ich bin John das Känguru.“ 
„Mach ´mal Platz, damit ich die Tür aufbekomme!“ John trat einen Schritt zurück. Ich drückte die Tür auf und tatsächlich vor mir stand ein Känguru-Mann. Ich stieg aus und machte eine langsame Runde um ihn, während ich an meiner Zigarette zog. Einen Kopf kleiner als ich, die Spots auf mich gerichtet, einen verdreckten und vernarbten Pelz und ein Bauchladen voller Büchsen und anderem Zeugs, so stand John vor mir. Ein abgewrackter Geselle. Beinah wäre ich über seine Schwanzsichel gestolpert. 
„Nun, haben wir uns satt gesehen. Hör ´mal, entweder Du kaufst mir jetzt ´was ab oder ich mache davon.“, meckerte John. 
„Du bist ja ein richtiges Känguru. Das letzte von Deiner Sorte, habe ich fünfzig Meilen von hier am Straßenrand verfaulen sehen.“, antwortete ich. 
„Na denn, bei soviel Mitleid, bist Du meine Auslagen nicht wert.“, John wollte abdrehen. 
„He, ist ja gut. Ich nehme zwei Cola und ´ne Sprite.“ 
John wühlte in seinem Beutel und fingerte das Gewünschte heraus. „Ihr Blechkabinenwichser habt gut reden. Täglich fahrt Ihr uns über den Haufen und dann habt Ihr noch die große Fresse. Hast Glück, dass ich auf Deine Scheiß Kohle angewiesen bin. Zwei Dollar.“, dabei reichte er mir die Sachen herüber. Ich zahlte ihm die Dollar. 
„Tut mir leid. Komm lass uns eine rauchen.“ Meine Zigarette nahm er nicht an. Kängurus rauchten nicht. Aber ein paar Kaugummis seien ein Friedensangebot. Ich öffnete einen Streifen und drückte ihn ihm in die Pfote. Mit einem Hieb verschwand er in seinem Maul. Den Rest warf er in seinen Beutel. 
„Wie kommst Du denn dazu, Zeugs zu verkaufen, anstatt in der Wüste herumzuhüpfen?“, fragte ich ihn. 
„Man, das ist ´ne lange Geschichte.“ 
„Na dann ´mal los John. Ich habe Zeit.“ 
„In Ordnung. Sag mir erst Deinen Namen.“, forderte John. 
„Paul. Paul Turtle.“, gab ich zur Antwort. 

„Turtle. Du hast vielleicht einen Scheiß-Nachnamen.“ 
„Ich weiß. In der Schule musste ich aufpassen, in keinem Topf zu landen.“ Nun lachten wir beide. Wir hockten uns auf eine alte Blechwanne und John begann seine Geschichte zu erzählen. Der Speckwürfel hinterm Tresen verschwand hinter der Hütte, wahrscheinlich zum Pissen. 
John hatte eine komische Art, mir Dinge klar zu machen. Aller paar Sätze lies er Fragen fallen wie „Weiß Du was ich meine?“ oder „Hast Du mich verstanden?“ Es nervte ungemein. Anfangs antworte ich noch drauf, später stieg ich dahinter und lies es sein. Seine Geschichte war die: 
Er war der Vierte seiner Mutter. Sie hieß Sue und warf ihn ziemlich zeitig aus ihrem Beutel. Er hoppelte ihr noch einige Tage hinterher, bevor sie ihm mit ihrem Schwanz einen mächtigen Hieb ins Gesicht versetzte und davonsprang. Bis zum folgenden Morgen konnte er sich nicht bewegen. Er lag da wie benebelt. Die Mittagssonne stand im Zenit und zwang ihn, sich in ein Gebüsch zu schieben. Dort ruhte er aus, bevor er sich in die Spur machte. Wochenlang trottete er allein durch die Wüste. Dann stieß er auf eine Gruppe Halbwüchsiger und schloss sich ihnen an. Mit ihnen wuchs er heran. Gemeinsam lernten sie im Kampf mit dem Menschen bestehen, die sie Plattnasen und Sichellose tauften. Er sammelte Erfahrungen und wurde sparsam in einer spartanischen Umwelt. Unmäßigkeit verbot er sich. Jeder freudvolle Grenzübertritt endete im Desaster, sodass er nicht nur die Grenzen akzeptierte, sondern sie noch enger zog. Seine Beherrschtheit und Sparsamkeit förderte sein Ansehen in der Gruppe. Oft wurde er gefragt, wenn komplizierte Entscheidungen zu fällen waren. Angespornt durch die Anerkennung gab er sein Wissen weiter, fühlte sich geadelt, ob der vielen Nachfragen. In den Nächten hortete er Wissen, las die Zeitungen der Sichellosen, die er am Wegesrande aufgehoben hatte. Süchtig versank er in einer Welt von Informationen. Gelang es ihm ´mal nicht eine Zeitung zu finden, so wurde er nervös. Feiern mit den anderen verließ er vorzeitig, weil er es ihn krampfhaft durchzuckte. Wie im Entzug fühlte er sich, tat er anderes als Wissen zu horten. Mit der Zeit gewann er den Eindruck, die anderen nützten ihn aus. Er kam zum Schluss, sein Wissen fortan für sich zu behalten. Er untersagte sich dessen Weitergabe, um keinen schlauer als ihn selbst werden zu lassen. Lediglich Allgemeinheiten, leere Phrasen und Halbheiten verließen seine Schnauze. Manchmal belog er auch den anderen, um sich eines unliebsamen Konkurrenten zu entledigen. Er genoss seine Stärke. Immerhin eine geraume Weile. Er fühlte sich sicher, zu sicher. Über seinem Nichthergeben wollen, vergaß er die Nähe der anderen. An einem Wintermorgen fand er sich plötzlich allein gelassen, zwischen Eukalyptusbäumen. Er wartete einige Monde. Aber er blieb allein. Die Einsamkeit lies ihn Irre werden. Nächte und Tage halluzinierte er. Die Wirklichkeit hob sich fort. Welten verschwammen. An einem verregneten Nachmittag erschien ihm einer seiner Brüder. Der Bruder lachte ihn aus und rief ihm zu: „Gib fort von Dir. Gib ab.“ Mehr verstand er nicht. Er legte sich auf den feuchten Boden und dachte nach. Warum haben mich die anderen verlassen? Was habe ich getan? Was verdammt noch mal soll ich fortgeben? Ich habe nichts mehr zu geben. Mein Wissen ist Staub und die anderen haben mich längst übertrumpft. Meine gesamte Habe ist dahin. Da ist nichts mehr, das mich befriedigt, nichts, das mich zittern lässt, wenn es nicht mehr ist. Tränen rannen über seine Wangen und vermischten sich mit dem Regen. Er schluchzte erbärmlich, fluchte, ob seines Schicksals und schrie seinen Schmerz in den Himmel. Der Mantel der Trauer legte sich um ihn. So schlief er erschöpft ein. 
Die Morgenfrische weckte ihn. Der Regen und die Nacht hatten die Luft und Boden ausgekühlt. Von dort zog die Kühle in sein Hirn, entspannte es und gab ihm Antwort. Antwort auf die Rufe des Bruders. Er entschied sich, wirklich loszulassen von der Habe, die er nicht mehr besaß. Erst die innere Entscheidung lies ihn wirklich frei werden. Frei werden für einen Neuanfang. Er nahm sich vor, fortan Zeitungen unbeachtet am Pistenrand verrotten zu lassen. Er rappelte sich auf, kratzte seine letzten Kröten zusammen, füllte seinen Bauchladen mit allem möglichen Zeugs und begann vom Kauf und Verkauf zu leben. Den Kampf mit dem Menschen gab er auf, schloss mit einigen von denen gar Freundschaft. 
„Das alles ist nun mehrere Jahre zurück.“, beendete er seine Geschichte: „Heute hopple ich von Tanke zu Tanke und lebe vom Durst meiner Kunden.“ 
„Deine Story hat mich mächtig beeindruckt.“, antwortete ich ihm: „John, darauf müssen wir einen heben.“ Ich warf ihm eine seiner Büchsen ´rüber und wir stießen an. 
„Und John, bist Du zufrieden mit Deinem Leben?“, fragte ich ihn. 
„Ja Paul, das bin ich. Ich habe keine Entzugserscheinungen mehr.“ Er ließ einen lauten Rülpser stehen, klopfte sich genüsslich auf seinen Beutel und hüpfte davon. Ich schlenderte zu meinem Mustang und gab Gas. Der Fettsack kehrte eben vom Pissen zurück.

Francis Mohr,  Juni 2005