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Der Brief

 

Mit einem Ruck fuhr Lisa aus dem Schlaf hoch. Sie lauschte in die Stille, und obwohl sie nicht hätte sagen können, was sie geweckt hatte, brach ihr plötzlich der Schweiß aus.

„Lisa?“

Die Stimme ließ sie herumfahren. Im Dämmerlicht, das durch die halb heruntergelassenen Jalousien fiel, erkannte Lisa einen Mann in der Ecke ihres Schlafzimmers.

„Johannes!“, entfuhr es ihr. „Was machst du hier? Wie kann das …“ „Es tut mir leid, dass ich dich, ich wollte dich nicht …“ „Hör auf …!“, schrie Lisa. Sie setzte sich im Bett auf und starrte in die Ecke. Ihr kam es vor, als laufe plötzlich alles in Zeitlupe ab, sie sah alles verschwommen. Aber sie erkannte Johannes. „Wie kann das sein, Johannes, was machst du mit mir, wie um alles in der Welt …“ Einen Schritt vor den anderen setzend ging Johannes auf Lisa zu. Sie wagte es nicht, sich zu bewegen. Er setzte sich auf das Bett und nahm Lisa in die Arme. Sie spürte ihn nicht. Aber sie konnte ihn sehen. Und sein Geruch, sie wusste in diesem Moment nicht, ob sie ihn wirklich roch oder ob es nur eine sehr realistische Erinnerung war. Sie atmete seinen Duft. „Was soll das, wer bist du. Johannes, du fasst dich so komisch an. Was geschieht hier?“ Johannes schaute ihr in die Augen. Lisa erkannte den typischen Blick ihres … ehemaligen Gefährten, stolz, wissend, dominant und dabei so einfühlsam, dass Lisa ihre Wahl niemals bereut hatte, obwohl ihre ganze Familie von Anfang an dagegen war. Johannes begann wieder zu reden: „Es tut mir leid, Lisa. Ich wollte dir nicht noch mehr Schmerzen bereiten …“ „Hör auf, hör bitte auf. Das alles ist so … du bist doch, sag dass es wahr ist, ich war schon so weit, dass ich mich endlich nicht mehr selbst …“ „Ja, Lisa und deshalb tut es mir doppelt weh. Ich bin tot, aber ich musste …“ „Was musstest du, Johannes, du hast mich verlassen, warst einfach fort, ohne Hinweise oder Drohungen, du hast dich umgebracht und hast mir nicht einmal einen …“ „Abschiedsbrief, Lisa?“ „Du hast mir keinen Brief hinterlassen, und dann, dann kommst du einfach wieder und, und … ich bin doch fertig genug, jetzt werd ich auch noch verrückt.“ „Nein, Lisa, du wirst nicht verrückt. Ich musste noch mal wieder kommen, um es aufzuklären.“ „Es aufzuklären, Johannes, was redest du für einen Scheiß? Geh bitte wieder weg, hau ab aus meinem Traum.“ „Lisa, es ist, du träumst nicht. Leider. Ich muss dir sagen, dass es kein Selbstmord war. Deshalb gab es auch keinen Abschiedsbrief. Ich hatte keinen Grund, mich …“ Lisa krampfte in ein Weinen hinein, so sehr dass sie sich wieder hinlegen musste. „Aber, wie, wie denn dann?“ „Ich kam sehr spät nach Hause, Lisa. Den ganzen Abend hatte ich schon das Gefühl, dass mich irgendjemand beobachtet. Das was ich zuletzt sah, sah ich nur flüchtig und aus den Augenwinkeln. Eine Mann, etwas kleiner als ich, schmächtig, fast weibliche Bewegungen. Was mir auffiel, war sein roter Schal und diese rote Bommelmütze. Mehr konnte ich nicht mehr registrieren. Als ich wieder aufwachte, sah ich dich auf meiner eigenen Beerdigung um mich weinen. Später hat mir jemand gesagt, dass ich noch mal zurück muss, um dir die Wahrheit zu sagen. Lisa, ich habe mich nicht …“ Völlig verheult begab sich Lisa wieder in Johannes’ Arme. „Du wurdest ermordet. Aber wer, wer tut so etwas?“

Ein Nebel senkte sich in das Schlafzimmer. „Johannes. Johannes? Wo – wo bist du? Johannes …“

Als Lisa erwacht, ist es bereits hell. Die Sonne hatte es geschafft, den Tag trotz dieser eisigen Kälte wie einen Sommertag aussehen zu lassen. Lisa ist noch wie benommen. Sie hatte wieder diesen verdammten Albtraum. Aber diesmal ist ihr, als hätte sie es wirklich erlebt. Sie muss raus hier, ganz schnell. Irgendwo einen Kaffee trinken, erst mal zu sich kommen. Und dann später zu einer ihrer Freundinnen gehen, am besten vielleicht gleich Frau Kast anrufen und fragen, ob sie heute einen kurzfristigen Termin bekommen kann.

Automatisiert und völlig ohne auch noch darüber nachzudenken, zieht sich Lisa an. Es ist kalt draußen, das hat sie unbewusst registriert. Sie ist jetzt komplett. Oder doch nicht? Lisa macht einen letzten Check. Sie schaut sich der Länge nach im großen Schlafzimmerspiegel an. Das macht sie immer so. Schließlich will sie ja gut aussehen, wenn sie sich da draußen bewegt.

Das geht so in Ordnung, denkt Lisa, noch bevor es ihr die Kehle und ihr Herz zur selben Zeit zuschnürt. Was ist das?

Lisa hatte den Traum beinahe vergessen. Aber was sie jetzt sieht, lässt sie innerlich erfrieren. Johannes war wirklich da, denkt sie, er musst tatsächlich da gewesen sein. Sie weiß nicht, woher sie die Gewissheit in diesem Moment nimmt. Aber mit der Gewissheit und den Worten, die sie in der letzten Nacht aus Johannes’ Mund anhören musste, wandelt sich ihr Entsetzen in einen beginnenden endgültigen Zusammenbruch. Das Spiegelbild im Schlafzimmerschrank zeigt eine Person, mittelgroß, schmächtig, mit eindeutig weiblichen Bewegungen, auffällig bekleidet mit einem roten Schal und einer ebenso roten Bommelmütze.

Noch bevor Lisa das Bewusstsein verliert, wählt sie die Nummer des Notarztes und schafft es, alle wichtigen Angaben zu machen. Die Rettungskräfte finden sie, vor dem Schrank liegend. Auf dem Spiegel sind Buchstaben zu sehen. „Ich bin eine Mörderin. Bitte töten sie auch mich, sonst tue ich es selbst.“

Das Aufnahmegespräch in der geschlossenen Abteilung des Krankenhauses führte zu Recherchen über Morde und Selbstmorde in letzter Zeit. Sie ergaben, dass sich in dem von Lisa angegebenen Zeitraum definitiv keine Morde ereignet haben. Darüber gebe es keinerlei Zweifel.

Diese Erkenntnisse verschlechterten Lisas Zustand. Sie hatte das Gefühl, mehr und mehr zu umnachten, konnte ihren Wahrnehmungen nicht mehr trauen. Lisa fiel in ein tiefes, schwarzes Loch und es hätte ihr Ende sein können …

...

Es ist Frühling. Die Sonne braucht nicht mehr zu kämpfen. Die Anstaltswiese leuchtet in sattem grün. Vögel singen und Blumen in allen Farben warten nur darauf, gepflückt und zu einem Strauß gebunden zu werden. Lisa trippelt den Weg entlang. Nach etwa fünf Minuten in der Sonne will sie zurück, als ihre Augen etwas registrieren. Ihre Augen verraten ihr, dass sie etwas Vertrautes sehen könnte, wenn sie nur endlich ihr Herz öffnen würde. Das Gefühl der Vertrautheit ist so stark, dass sie es zulässt. Sie lässt es zu, ohne zu kämpfen. Lisa kämpft nicht mehr. Um sie wird es hell. Sie spürt die Wärme. Endlich spürt sie wieder Wärme. Aber sie weiß noch immer nicht, warum.

Vor ihr steht Johannes. „Lisa, endlich. Endlich kommst du, um ich abzuholen, endlich kann jemand alles aufklären.“ „Johannes? Das gibt es doch nicht. Ich habe dich doch …“ „Nein, Lisa. Ich habe dich verlassen. Ich habe dich verlassen, weil ich … Aber ich wollte nicht …“ „Was wolltest du nicht, Johannes, was?“ „Ich wollte dich nicht verlassen. Ich bin irgendwann aufgewacht und war hier in dieser gottverdammten Klapse.“ „Ja, ich, Johannes, ich bin auch aufgewacht und dann sah ich in den Spiegel und plötzlich war alles schwarz, … dann war ich hier und alle erzählten mir, ich hätte niemanden umgebracht.“ „Lisa, was redest du, du hast doch niemanden …“ „Aber Johannes, du warst doch in der Nacht bei mir und hast mir erzählt, dass ...“ „Nein, Lisa, nein, ich war nicht bei dir, ich wäre so gern zu dir gekommen, aber hier wegzukommen ist nicht so leicht.“ „Aber, Johannes, wieso bist du hier? Ich war doch bei deiner Beerdigung, ich habe dich doch verabschiedet, das kann doch alles nicht …“ „Lisa, ich weiß nicht, was alles geschehen ist. Ich weiß nur, dass man mich hier behalten hat, weil ich mich angeblich selbst töten wollte. Und dass man mich nicht gehen lässt, weil ich diesen Umstand vehement bestreite. Ich habe nicht, ich hatte doch überhaupt keinen Grund dazu.“

„Aber wie kommt es zu diesem ganzen Wahnsinn. Was geht hier vor. Du bist wieder da, ich wage es kaum auszusprechen, Johannes, aber es bleiben Fragen, so viele beschissene Fragen.“

„Was redest du da von Beerdigung, Lisa?“

„Deine Beerdigung, Johannes. Ich war doch da, alles war so schrecklich. Aber ich musste mich um nichts … mein Vater hatte alles organisiert … ich musste mich um nichts kümmern.“

„Dein Vater. Mein Gott Lisa, dein Vater. Er hat wieder zu dir Kontakt aufgenommen? Oh Mann, das kann nicht wahr sein. Dein Vater, er war die letzte Person, mit der ich draußen Kontakt hatte. Er rief mich an, aus heiterem Himmel, ich hatte keine Ahnung, was das sollte. Ich dachte, jetzt würde vielleicht doch alles gut.“

„Und dann? Johannes, was passierte dann?“ „Er holte mich ab, wir fuhren ein Stück, und dann … dann … keine Ahnung, mehr weiß ich nicht.“

„Dann sind wir beide völlig sinnlos hier, Johannes. Wie müssen hier weg. Wir lassen uns morgen entlassen.“ „Lisa, das ist nicht so einfach.“ „Johannes, bitte, wir haben so viel Zeit verloren.“ „Okay, Lisa, ich … mir wird schon was einfallen. Wir treffen uns morgen zur gleichen Zeit wieder hier. Jetzt geh schnell. Nicht, dass uns noch jemand zusammen sieht.“