leif hauswald - schneewittchen .


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schneewittchen

marc war schneller












- Hallo Eric, die Ulli hier, ich hoffe, du weißt noch, wer ich bin.

Klar wusste ich, wer an diesem schwülen Frühsommerabend dieses apathische, dünne Stimmchen über die Telefonleitung an mich richtete. Ulli war eine meiner wenigen Verbündeten, damals im goldenen Westen, als ich in diesem Versandhaus jobbte. Wie es ausgesehen hatte, waren unsere Seelen entfernte Verwandte. Etwa zwölf Jahre älter als ich, eine kleine, zierliche, aber manchmal sehr dickköpfige Frau, die mich verstehen konnte. Sie sah mir schon an der Nasenspitze an, wenn ich scheiße drauf war. Mit der Zeit konnte ich das auch bei ihr. Die ewig wechselnden Beziehungen hatten ihr doch schon etwas zugesetzt, sie war im mittleren Alter und immer noch nicht am gesellschaftlich anerkannten Ziel einer glücklichen, kinderreichen Familie. Sie war ein Außenseiter wie ich. Wir hatten beide das Denken noch nicht verlernt, blieben kritisch und ließen uns nichts gefallen. Am Anfang trauten wir uns keinen Meter über den Weg. Wir machten uns gegenseitig das Leben schwer, bis wir uns nach und nach annäherten, bis wir gelernt hatten, unsere geistige Überlegenheit zu addieren, statt sie gegeneinander zu verwenden.
Scheinbar hat jene Freundschaft die höchste Qualität, die aus einer Antipathie geboren wird. In diesem Fall beginnt sie mit aufrichtigen Gefühlen.

- Mensch Ulli, schön dass du dich meldest.
Ich war zu der Zeit beim Zivi und hatte den Kontakt, der sich fast ausschließlich innerhalb der Firma abspielte, mehr und mehr vernachlässigt. Umso überraschter war ich, dass gerade sie bei mir anrief.
- Wie gehts dir denn? Wie läufts auf der Arbeit? Biste noch mit dem großen W. zusammen?
Scheinbar zu viele Fragen auf einmal, Ulli`s Stimme krampfte. Im Grunde hörte ich nur noch ein Schluchzen. Ich hatte Mühe, ihre nächsten Worte zu verstehen. Ich hörte diesen Namen, ich hörte einen Wochentag und dazu Datum und Uhrzeit. Irgendwo, ganz tief in meiner Seele  blieben sämtliche Gefühlsregungen, die ich irgendwann in meiner Entwicklung erlernt hatte, verschüttet.
Von den Lendenknochen aufwärts lief mir ein eiskalter Schauer den Rücken entlang, der sich in der Nackengegend bis ins Unermessliche erhitzte und meinen Kopf zu einem Monster anschwellen ließ. Genauso überwältigend wie er mich heimgesucht hatte, suchte er sich, in umgekehrter Richtung, einen Weg in die Freiheit und verließ meinen Körper. Meine Beine wie gelähmt, knickte ich in der Kniegegend zusammen. Erst der Fußboden nahm mich in seine rettenden Arme.

- Wie. Was. So eine verdammte Scheiße. Ausgerechnet Selda.

Ausgerechnet Selda. Sie war doch von den Frauen in der Kommissionierung die Einzige, die nicht nur über Kochrezepte reden konnte, die Einzige, die nicht bis Mittwoch warten musste, um Sex mit ihrem Partner zu haben, die Einzige, die es nicht verlernt hatte, das Leben zu genießen.
Ich verstand die Welt nicht mehr, der Schock ließ das Blut in meinen Adern und sogar meine Tränen gefrieren. Dabei hatte ich mit der Zeit so viele dieser salzigen Tropfen gesammelt. Ausgerechnet jetzt regte sich kein Gefühl mehr. Ich wusste nicht, wie ich auf Ulli eingehen könnte.

- Wie - ist - denn - das - passiert ?

Was sollte die arme Ulli mit dieser Scheißfrage anfangen. So dachte ich, als ich erneut ihre Stimme hörte. Sie hatte sich ein wenig beruhigt. Ihre Stimme klang jetzt nicht mehr so schwach.

- Du hast sicher schon mal darüber gelesen. Pille und Rauchen passen nicht so gut zusammen. Dazu ihr rastloser Lebenswandel. Ich hatte vorgestern noch mit ihr telefoniert. Sie war wie immer, eine gute Freundin eben. Wir waren ernst und wir haben gelacht. Wir warem ausgelassen, fühlten uns so gut. Wir hatten uns für heute verabredet. Gestern war sie dann nicht in der Firma. Sie sei plötzlich umgekippt und ... Und sofort tot. Mit einem breiten Lächeln auf ihren Lippen. Einfach weg. Diesmal für immer. Trombose. Ich wollte gern, dass du mich zur Beerdigung begleitest.

- Ich - ich - ist doch logisch. Soll ich dich abholen?
- Nein, lass mal. Kennst mich ja. Aber ich will neben dir sitzen. Wer zuerst da ist?
- Ja. Wer zuerst da ist, hält für den anderen frei. Ich hoffe, ich hab nicht alles noch schlimmer gemacht mit meiner dämlichen Fragerei.
- Ist schon in Ordnung, Ossi. Hat mir gut getan, mit dir zu reden. Machs gut.
- Ja, du auch. Bis Freitag.

Es hieß, sie läge aufgebahrt und man könne sie noch ein letztes Mal sehen. Außer auf Bildern hatte ich noch nie eine Leiche zu Gesicht bekommen. Mir war übel bei dem Gedanken. Und mir war noch nie so schwer ums Herz. Nachdem ich sie alle schon wieder zu hassen begann, diese Heuchler, die es sich nicht nehmen ließen, ihrer Sensationsgier nachzugeben und diesen Raum zu beschmutzen, betrat ich das Gemäuer neben der Kirche.
Es herrschte eine erdrückende Ruhe, das Licht von etwa hundert Kerzen kämpfte mit einer seltsamen Dunkelheit. Mir stockte der Atem. Selda lag da. Ein weißes Kleid bedeckte ihre weiße Haut. Die Hände gefaltet. Die Haare schwarz. Schwarz und voller Glanz. Ihre Lippen. Wie immer. Knallrot ...
Mit geschlossenen Augen lag sie da. Jetzt war sie ganz still. Selda hatte endlich ihre Ruhe, ihre Ruhe vor dem ewigen Geschwätz der unzufriedenen Weiber, ihre Ruhe vor den ewig lechzenden Tittengaffern.
Ich gönnte ihr diese Ruhe, wünschte ihr ewigen Frieden und eine gute Reise. Obwohl ich ihr neues Glück begreifen konnte, brach ich in Tränen beinahe zusammen. Ihr Bild verschwamm und ich sah sie ein letztes Mal an mir vorübergehen. Sie prostet mir mit ihrem Käffchen zu und zwinkert mit dem linken Auge.

Ich konnte ihr nicht mehr sagen, wie sehr ich sie geachtet und verehrt habe, weil sie in ihrem Tun niemals Rücksicht darauf genommen nahm, was die anderen denken könnten.
Ich konnte ihr nicht mehr sagen, wie sehr sie mein Herz berührt hatte und wie viel Kraft mir ihre Offenheit gab.
Ich hatte ihr nie danke gesagt. Danke, Selda. Danke, dass es dich gibt.
Sie war gerade vierzig, hatte noch so viel vor.
Sie hätte noch so vielen Leuten sagen können, was für Arschlöcher sie sind.

Jetzt lag sie da. Wie Schneewittchen nach dem vergifteten Apfel. Und kein Prinz in der Nähe, der sie wieder erwecken könnte.