francis mohr - aussortiert oder das lächeln der mona lisa .


aussortiert oder das lächeln der mona lisa

der känguru-mann (die habsucht)

die uhr


Place du Carrousel. Leichten Tritts schlürfe ich zur Pyramide. Sie blinzelt mich an. Ein Diamant für große Kinder wie mich, denke ich. In ihrem Leib werde ich mir ein Ticket kaufen. Im Labyrinth des größten Museums der Erde werde ich mich verlieren. Der Gedanke allein weckt in mir eine Aufregung, wie ich sie lange nicht mehr spüren durfte. Genervte Monate auf Arbeit mit überforderten Kollegen, einem cholerischen Chef und einem unmotivierten Selbst liegen hinter mir. Nur der Kampf um die Urlaubstage wurde gewonnen. Das koste ich aus, werde meine Seele aushängen. Es ist mein erster Besuch in der Stadt der Liebe - der Hochburg der westlichen Boheme. Literarische Exkurse ließen innere Bilder in mir heranwachsen, deren Originale einer Entdeckung entgegenfieberten. 
Seit Wochen blättere ich beim Frühstück im Museumskatalog. Die Damen im Türkischen Bad von Ingres gehen mir nicht aus dem Sinn. Heute werde ich das Original bestaunen. 
Schon stehe ich am Ticketautomaten, werde von einer Bediensteten in deren Funktion eingewiesen und darf feststellen, dass er tatsächlich funktioniert. Über die Rolltreppe geht es hinauf in den ersten Stock. In ihm erwarten Franzosen und Italiener meine bewundernden Blicke. Im Zweiten räkeln sich die Badenden. Den Leckerbissen spare ich mir für den Schluss auf. 
Beginnen will ich mit den Italienern des dreizehnten bis fünfzehnten Jahrhunderts. Gierig sauge ich das Blau der Gewänder Marias und anderer Heiliger auf. Das Blau sticht einem angenehm ins Auge. Seine Frische fesselt mich und lässt mich lange innehalten. Maria mit den Engeln von Cimabue – ein Gedicht in Form und Farbe. Florentinische Schule. Ich suche mir einen Platz in der Mitte des Raumes und genieße den Anblick. Gelegentlich drängelt sich ein Besucher vorbeihuschend ins Blickfeld. Einwenig störend – aber aushaltbar. 
Ich wende mich zum nächsten Bild, da bricht eine Lärmwelle über den Raum herein. Ein in die Höhe gehaltener roter Schirm bohrt sich durch die Luft, gefolgt von einer Gruppe gelbbemützter Asiaten, die den Saal nun völlig ausfüllen. In Schulterhöhe ein riesiges Sonnenblumenfeld. Maria mit den Engeln getragen auf Sonnenblumen. Nur wenige Sekunden dauert das Intermezzo – dann stehe ich wieder allein vor Maria. Eine Stimmung zum Beten, denke ich, da presst sich eine Spiegelreflexkamera in meinen Rücken. Eine korpulente Dame in blondem Haar schiebt mich beiseite, um ihr Foto machen zu können. Ihr Begleiter, der ihr Mann zu sein scheint, faucht mir hochgetönt slawische Brocken zu. Weitere Blondinen in zu dick aufgetragener Gesichtspomade und beleibte Herren erobern den Raum. Sie überragen mich und drücken mich mit ihren Handtaschen und Kameras zu Boden. Es scheint, als würden sie mich überhaupt nicht registrieren. Sie fegen durch den Raum und sind eben so schnell fort, wie sie gekommen sind. 
Ernüchtert liege ich vor meiner Maria am Boden. Mein Rücken schmerzt. Zwei Knöpfe meines lila Hemdes sind abgerissen. Auf dem gewichsten Parkett kriechend mache ich mich auf die Suche. Den ersten hebe ich in der Nähe des Eingangs auf und will gerade aufstehen, als eine weitere Welle über mich hinwegfegt. Kinderstimmen bewaffnet mit Notizblöcken. Ich werfe mich zu Boden, in der Hoffnung so Schlimmeres verhindern zu können. Hände über den Kopf, Fersen herunterdrückend. Klug, denke ich von mir, da bohrt sich ein Bleistift in meinen linken Oberarm. Mein Schmerzensschrei verhallt im leeren Saal. Liegend aus den Augenwinkeln kann ich sehen, wie sich die Horde bereits in den übernächsten Saal hineinschreit. Ich rapple mich hoch und schleife mich in eine Ecke. In der Hocke, angelehnt an die Wand, ziehe ich mir den Stift aus dem Arm. Mein Arm blutet. Bald sitze ich in einer Pfütze. Erschöpft lasse ich es geschehen. 
Eine Familie tritt ein. Gelassen wenden sie sich den Gemälden zu. Im Gleichtakt arbeiten sie sich von Wand zu Wand. Der Vater führt die kleine Truppe an. Seine Frau steht vor ihm. In beiden Händen hält er seine vorschulreifen Töchter. Zu jedem Bild gelingt ihm ein lehrbuchreifer Text. Auch ich folge seinen Ausführungen mit Spannung. Was wird er wohl zu mir sagen? Da entdeckt mich eine der kleinen Damen. Sie zupft an Papas Arm und deutet auf mich. Papa, Mama und das Schwesterchen wenden sich mir gleichzeitig zu. Wir starren uns an. Kein Überraschen, kein Entsetzen, nicht ein Zipfelchen Mitleid sind in ihrer Mimik zu erkennen. In ihren Gesichtern kann ich lediglich eine matte Neugier erahnen. Ich bleibe sitzen und warte ab. Der Vater blättert aufgeregt in seinem Katalog, bittet seine Gemahlin mit hineinzuschauen. Sie scheinen etwas zu suchen. Dann schlägt die Mama den Katalog mit der Bemerkung zu, dass dieser wohl nicht vollständig sei. Ein solches Objekt, wobei sie auf mich zeigte, hätte sie im Centre Pompidou erwartet. Sie treten einen Schritt auf mich zu, eines der Mädchen tippt ihren Zeigefinger in meine Lache und hält ihn triumphierend hoch. „Alles echt.", quiekt sie. Das Quartett wendet sie sich ab und stolziert mit dem Hinweis aus dem Raum, nun endlich die Mona Lisa bewundern zu wollen. 
Der Wink auf Da Vinci´s Mona Lisa lässt mich aus meiner Trance erwachen. Ach ja, die Mona Lisa. Als Muss-Event von meinem vorgealterten Kollegen Rolf gepriesen. Mutter schickte mir vor der Abfahrt geradezu aufdringlichst im Abstand von zwei Tagen, verteilt über einen Monat, Ansichtskarten Pariser Museen, obgleich sie dort noch nie gewesen war. Man kann sich vorstellen, welche Erwartungshaltung und Berichtdruck auf mir lasten. So raffe ich mich also hoch, stecke den Stift hinter mein Ohr und marschiere, meinen Arm abdrückend, stracks am sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert vorbei. Der Weg zur bildnerischen Krone der Schöpfung wird gewiesen. Schilder geben den Weg vor. 
Und plötzlich, schneller als erhofft, stehe ich vor ihr. Ich hätte sie vielleicht übersehen, aber die vor mir brodelnde Menge, das Blitzlichtgewitter und ein erneutes Stoßen und Schieben zeigen mir die Bedeutung des vor mir Hängenden unzweideutig an. Eine Panzerglasscheibe verhindert eine Begegnung von Besucher und Werk. 
Jenes rätselhafte Lächeln, einer in  dunkle Gewänder gehüllten Dame, schafft es also eine derartige Aufregung zu erzeugen. Eine blasse Frau mit gelockt-strähnigem Haar bringt es fertig, jährlich Hunderttausende oder mehr in ihren Bann zu ziehen. Ich ärgere mich durch die Jahrhunderte gehetzt zu sein, nur für dieses Weib. Enttäuscht wende ich mich ab, kämpfe mich erschöpft durch eine paralysierte Masse und desertiere aus dem Louvre. 
Die Blutungen an meinem Arm haben sich beruhigt. Eine Bank in einem Park wünsche ich mir. Ein wenig hinlegen und schlummern. Mit diesem Ziel überbrücke ich die Seine und steuere den Jardin de Luxembourg an. Dort wasche ich mir in einem Teich die Hände und wickle mir zwei Taschentücher um den Oberarm. Eine moosgrüne Bank in der Nähe wähle ich zur Rast. Es ist sonnig und angenehm warm. 
Ich liege wohl eine viertel Stunde in der Sonne, da klopft mir jemand auf die Schulter. Ich will es erst nicht wahrhaben und drehe mich auf die Seite. 
„Mein Herr, sie bluten. Kann ich ihnen helfen?", fragt eine freundliche Stimme. „Ihr Arm sieht ja schrecklich aus." 
„Nein, es ist alles in Ordnung. Bitte lassen sie mich schlafen.", antworte ich mit geschlossenen Augen. 
„Das kann ich so nicht annehmen, Herr ....", gibt er zurück. 
„Herr ... Mein Name ist Christian.", ich drehe mich zu ihm und öffne die Augen, das Gefühl habend, diesen Herrn nicht loszubekommen. „Wie heißen sie?" 
„Philippe Véro. Angenehm." Ein kleiner Herr in einem einwenig zu großem, schwarzem Anzug blinzelt mich freundlich an und streckt mir seine beharrte Hand zum Gruß entgegen. Ich richte mich auf, drücke sie und bitte ihn, neben mir Platz zu nehmen. 
„Wie haben sie denn das hinbekommen?", besorgt zeigt er auf meinen Arm. 
„Eine unglaubliche Geschichte. Sie werden sie mir eh nicht abnehmen. Lassen sie uns über andere Dinge reden.", antworte ich noch müde. 
„Bitte erzählen sie. Sie sind mein erstes Gespräch heute. Und sie scheinen ein interessantes zu werden.", leicht aufgeregt wippt sein Oberlippenbärtchen während er spricht. 
„Na gut, wenn ich ihnen damit einen Gefallen tue." Und so beginne ich ihm die ganze Geschichte vom Muttis Postkarten bis zum Besuch im Museum zu erzählen. Während ich spreche hüpfen seine Augen aufgeregt unter der Stirn. Gelegentlich lässt er ein „Aha." oder „Dachte ich's mir doch." hören. Am Ende meines Berichts schweigt er. Ich lasse es in der Annahme geschehen, er würde sich schon melden und aus der mir angeborenen Höflichkeit, abwarten zu können. 
Nach einer Weile durchbreche ich dennoch die Stille: „Philippe, darf ich ihnen eine Zigarette anbieten?". 
„Natürlich. Welche Sorte rauchen sie?", fragt er mich. 
„Eine Marke aus dem Osten, F6-Light.", ich reiche ihm die Schachtel hin. Er zieht sich eine raus. „Komischer Name für eine Zigarette." 
„Warum haben sie solange geschwiegen, Philippe?" 
„Dazu muss ich mich ihnen näher vorstellen. Sie gestatten, dass ich etwas weiter aushole. Bis Anfang der neunziger Jahre war ich Mitglied des Kuratoriums Pariser Museen. Meine Spezialität war, und sie ist es noch heute, die spanische Malerei des fünfzehnten bis siebzehnten Jahrhunderts. Ich bin völlig vernarrt in El Greco, Ribera und Murillo. Aber das wird sie weniger interessieren. Nun ja, damals, will heißen in den sechziger Jahren, hatten wir eine Unmöglichkeit zu lösen. Reisegruppen aus Europa und Übersee überfluteten den Louvre. Eine Folge des Wirtschaftswunders nach dem Krieg. Die Besucher brachten Zeit mit – zuviel Zeit. Ungeordnet nagten sich ihre Augen an den Bildern fest. So blockierten sie ganze Säle. Es herrschte Stau. Vorm Museum bildeten sich Schlangen. Jeden Tag mussten wir über zweidrittel zahlungstüchtiger Besucher nach Hause schicken. Das sorgte nicht nur bei den Abgewiesenen für Empörung sondern auch im Kuratorium. Was könnte man nicht alles kaufen, wenn man die Eintrittsgelder der Abgewiesenen kassiert hätte, ganz zu schweigen von den nötigen Restaurationsarbeiten am Bestand. 
Nach einem Jahr tatenlosen Zuschauens setze sich das Kuratorium entschlossen zusammen. Wir waren damals zwölf ständige Mitglieder. Quasi die Apostel des Louvre. Monsieur Lefache brachte die bahnbrechende Idee ins Spiel. Anfangs waren alle dagegen, am Ende stritten wir nur noch um das zu opfernde Gemälde. Und es wurde ein exorbitanter Erfolg. Heute haben wir fünfzehnmal so viele Besucher als in den sechziger Jahren und es staut sich nur noch in einigen Räumen. Ach so, ich habe etwas übersprungen. Also der Herr Lefache vertrat die Meinung, wir sollten uns in der Promotion für das Museum auf ein Bild konzentrieren. Ein Bild vor dem alle zu stehen kommen. Ein Bild zu dem die Reisegruppen jagen, um Minuten später wieder im Bus zu sitzen, um nach Versailles oder anderswohin weiterfahren zu können. Wir stritten damals eine Woche, welches es sein solle. Zuerst konzentrierten wir uns auf die wirklich schönen Gemälde der Sammlung. Delacroix´s „Freiheit auf den Barrikaden", Vermeer´s „Spitzenklöpplerin" oder Ribera´s „Klumpfuss" waren im Gespräch. Ein Schauder geht mir noch heute beim Gedanken über den Rücken, wir hätten uns für den „Klumpfuss" entschieden. Mein Liebling zu Tote fotografiert von einer gehetzten Touristenschar. Futter für Fotoalben. Geklebt zwischen Großtanten oder Babys. Nun, es kam anders. Madame Bercy machte den Vorschlag, sich für ein weniger ausnehmendes und durchaus schadbares Gemälde zu entscheiden. So kamen wir auf Da Vinci´s „Mona Lisa". Das sogenannte rätselhafte Lächeln dürfte sie erst später aufgesetzt haben. Sie hat guten Grund, sich über die Voyeure zu amüsieren. 
Heute kassiere ich eine Pension fürs Schweigen. Sie sind der erste dem ich das alles erzähle. Ihre kritische Haltung hat mich dazu animiert. Ihre F6 schmeckt formidable. Merci." 
Nach dieser Erzählung verabschiedet er sich, macht noch einen ausgiebigen Zug, bläst den Rauch in den Ahornbaum über uns und schlendert in Richtung Palais davon. Ich strecke mich erneut auf der Bank aus und versuche zu schlafen. Es will mir nicht gelingen. Sein Lächeln zum Abschied geht mir nicht aus dem Sinn. 
Morgen werde ich die Badenden bewundern – soviel steht fest. Es lebe Paris.

Francis Mohr,  Mai 2004