leif hauswald - marc war schneller .


der brief

streichholzlänge

blind date

schneewittchen

marc war schneller












- für Maik Waldinger (Mannheim) -




Das letzte Mal, dass ich im Nacken die Länge meiner Haare spürte, war im Sommer 1987. Ich war 16, die 10. Klasse abgeschlossen, die Penne (neudeutsch: Gymnasium) lag noch in weiter Ferne, war gerade aus Ungarn zurückgekommen, wo ich mit meinem Cousin Jan und seinem langjährigen Freund José für zwei Wochen zelten war.
Ich spürte diese angenehm kitzelnde Länge, als ich aus dem Wasser unseres mitten im Wald gelegenen Freibades auftauchte. Da vorn schwimmt mein bester Freund Marc Wiesinger. Auch er hat ziemlich lange Haare, im Gegensatz zu mir aber schwarz. Sein Vater ist Ungar, daher wohl dieser eher südländische, bei den meisten Mädchen begehrte, Typ. Aber um die Mädchen brauchten wir uns nie streiten, haben beide ziemlich viele Stücke vom Kuchen abbekommen. Was auch Marc nicht wusste: Mein richtiges erstes Mal hatte ich erst mit 18, für meine Begriffe viel zu spät, zumal jeder und jede dachte, ich wäre der Früheste gewesen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Marc prustet das Wasser in hohem Bogen aus, lächelt mir zu, seine dunklen Augen leuchten. Seit wir uns kennen, waren wir noch nie so lange voneinander getrennt. Er war der Erste, der mich im zweiten Halbjahr der ersten Klasse (wir waren von der Stadt hierher aufs Land umgezogen) zur Seite nahm und mich, ohne lange zu zögern, fragte, ob ich sein Freund sein möchte. Klar wollte ich das, die anderen Päärchen hatten sich offensichtlich bereits gefunden. Zum Glück, denn aus dieser lockeren Situation heraus entstand eine Freundschaft, die länger als zehn Jahre halten sollte. Marc Wiesinger und Eric Henrix, der Blonde und der Schwarze, die Linkshänder (oder Linkshändler, wie Marc wohl noch bis heute sagen würde), die Oma-Ärgerer des Dorfes, die unzertrennlichen Blutsbrüder.
Von nun an machten wir fast alles gemeinsam. Ich holte ihn oft früh von zu Hause ab. Wir saßen, gemeinsam mit seinen drei Brüdern, am Küchentisch und aßen leckeres Mekorna, einen Milchbrei, der heute leider nicht mehr hergestellt wird. Nach der Schule ging ich mit zu ihm, Hausaufgaben machten wir erst abends. Oder am nächsten Tag, kurz vor dem Unterricht.

Unser einziges Problem war die Hausarbeit, die Marc Tag für Tag erledigen musste. Er war der Staubsaug-Verantwortliche. Für mich sah das immer nach Zwangsarbeit aus. Meine Mutter ließ meinen Bruder Jean und mich relativ unbelastet von Arbeiten jeglicher Art aufwachsen, vom Kinderzimmer-Sauberhalten mal abgesehen. Marc durfte erst raus, wenn er seine Aufgaben erledigt hatte. Also half ich ihm, damit es schneller ging und wir endlich in den Wald konnten, wo wir es aushielten, bis es dunkel wurde. Wir waren nicht tot zu kriegen, bauten Buden, stauten Wasser an, schürften Gold, bis wir dahinter kamen, dass es sich lediglich um Katzengold handelt. Mit dem Gold wollten wir einen Schatz anhäufen, um ihn später zu vergraben. Im Winter fuhren wir mit unseren Schlitten den Steinberg hinunter. Marc war immer schneller. Ich hatte einen Hörnerschlitten, der mich wohl traumatisierte, da die Spur nicht richtig eingestellt war und ich nicht richtig von der Stelle kam. Ich hab den Schlitten mehrmals meinem Bruder angeboten, wollte ihn gegen seinen eintauschen, hörte mich an wie der schlimmste Autoverkäufer, den man sich heutzutage vorstellen kann. Doch Jean ließ sich nie darauf ein. Ich hatte den Hörnerschlitten bis zum bitteren Ende.
Marc war schneller, dafür war ich in der Schule besser. Vielleicht wären wir gleich gut gewesen, wenn diese Idioten ihm das Linksschreiben nicht abgewöhnt hätten. Wer weiß. Uns jedenfalls hat das nie interessiert, denn nach der Schule war für uns niemals vor der Schule. Nach dem letzten Pausenklingeln um 13 Uhr 10 waren wir nicht mehr Schüler, sondern nur noch Marc und Eric, gedankenlos, spontan, kindlich. Fest entschlossen, die Welt zu verbessern.
Marc war schneller, vor allem beim offiziellen Roller-Rennen der Schule. Dabei hatte ich den bekanntlich schnellsten Roller des Oberdorfes. Marc sagte mir vor dem Rennen, dass er barfuß fahren werde. Ich hielt das für keine gute Idee, da man sich schmerzhafte Blasen holen würde. Ich zog es vor, meine Halbschuhe anzubehalten, um besseren Griff zu haben.
Ich schnürte die Schuhe so fest, dass ich schon vor dem Start ein Taubheitsgefühl im linken Fuß hatte. Das musste ich aushalten. Einen Sieg bekommt man nicht geschenkt. Es waren fünf Runden zu gehen. In der dritten lockerte sich die Schleife am linken Schuh. Aufgrund des Taubheitsgefühls merkte ich das erst anfang der vierten Runde. Marc und ich waren auf gleicher Höhe, der dritte Mitfahrer war schon abgeschrieben, ist scheinbar so schlecht gefahren, dass wir uns heute nicht mal mehr an sein Gesicht erinnern können. Ende der vierten Runde fiel mir der Schuh einfach ab. Ausgerechnet vom Antriebsfuß. Wechseln konnte ich nicht, das Andersherum-Fahren hatte ich nie trainiert. Konnte ja keiner ahnen, dass mir eine stiefmütterlich gebundene Schleife derart zum Verhängnis werden sollte.
Der Schuh lag einsam auf der Straße. Marc Wiesinger zog an mir vorbei, gerade als ich endlich eine Nasenlänge Vorsprung hatte. Ich wurde langsamer und langsamer, mein Fuß war nicht darauf eingestellt, unbedeckt zu funktionieren, zumal er gerade unsanft aus seinem Tiefschlaf geweckt worden war. Das Kribbeln wurde mir unerträglich, bis es von einem Gedanken abgelöst wurde: Wird Marc Wiesinger vor den Tausenden von Zuschauern seine Loyalität zu mir unter Beweis stellen und damit deutlich machen, dass Freundschaft mehr wert ist als persönlicher Erfolg? Oer wird er mein Unglück für eine lächerliche Urkunde mit der noch affigeren Aufschrift „Sieger beim Roller-Rennen anlässlich des Internationalen Kindertages" ausnutzen und mich bis auf die Knochen blamieren?

Marc Wiesinger gewann das Rennen, wurde auf den Wogen des Triumphes davon getragen. Ich klaubte meinen beschissenen Schuh von der Straße auf und trug ihn, meinen Roller und die Urkunde mit der Aufschrift „Zweiter beim Roller-Rennen anlässlich des Internationalen Kindertages" nach Hause.
Dort begann ich sofort, das Schuhe binden zu üben. Ich dachte über meinen besten Freund nach, der mich so enttäuscht hatte und begann bald, ihm den Sieg zu gönnen. Ich machte nun den Schuh für das Ganze verantwortlich und kam letztendlich zu dem Schluss, dass an allem nur einer die Schuld tragen kann, besser gesagt eine: Nämlich die Freundin, die mir in der zweiten Klasse immer die Schuhe gebunden hatte, statt mir zu zeigen, wie das richtig geht. Tolle Freundin! Wirklich toll.

Ich schwimme, hole tief Luft und erwidere den Blick meines besten Freundes. Die Stimmung ist gedrückt und überschattet die Welt um uns herum. Wir scheinen beide zu ahnen, dass es nie wieder so wird, wie es gestern noch war. Marc wird eine Lehre anfangen. Ich werde Abitur machen. Die Realität zwingt uns, getrennte Wege zu gehen. Noch sind es zwei Wochen, wir werden sie gemeinsam nutzen, so gut es eben geht.
In der Hoffnung, dass der Schatten nicht schon jetzt von Tag zu Tag größer und schwerer wird. Wir werden neue Freunde haben und uns in verschiedene Richtungen entwickeln. Marc wird mir kurz nach dem Fall der Mauer eröffnen, dass er in den Westen geht. Er wird mich verlassen. Alles was uns bleiben wird, ist die Erinnerung an diese wunderbare, unzerstörbare, kindliche und jugendliche Freundschaft, die uns verbunden hat, die uns unterschwellig vielleicht bis heute verbindet.

Bald ist wieder Klassentreffen. Ich habe mich bisher immer davor gedrückt, weil ich Angst hatte, ich könnte mich mit niemandem mehr unterhalten. Aber heute wird es mir von Tag zu Tag mehr bewusst. Ich muss den Kerl wiedersehen, der mich im Roller-Rennen besiegt hat: Marc Wiesinger aus Mannheim, Neuseeland oder einer ganz anderen Welt.